Herzls Traum - Europa und Israel: ein 100jähriges Miteinander

5. Internationales Theodor Herzl Symposion, Wien, 14-17 Juni 2004, Wiener Rathaus: Der Bericht, Wien, 2004, pp. 114-120  Meir Bar-Ilan

 

Ziel der folgenden Ausführungen ist die Untersuchung der Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit, einer Vision, die in Wien entstand, in Israel realisiert wurde, in Oslo nochmals entstand und in Israel wieder umgesetzt wurde. Im Folgenden möchte ich drei Punkte erläutern, die man in den letzten 100 Jahren in Europa über Israel geträumt hat. Anfangs bezog man sich auf eine Vision, schlussendlich aber auf eine andere. Diese Punkte sind:

1. Ist der Staat Israel eine Lösung oder ein Problem?

2. Welcher Preis muss für den Zionismus gezahlt werden?

3. Welchen Anteil hat die Religion am Zionismus?

Im Verlauf der folgenden Diskussion wird herausgearbeitet, in wie fern sich die Träume von Oslo und Wien unterscheiden. Wie sah Herzls Traum einst aus und wie sieht er heute, hundert Jahre nach seinem Tod, aus.

1. Ist der Staat Israel eine Lösung oder ein Problem?

Die Stellung Israels im europäischen Bewusstsein veränderte sich im Laufe der Generationen. Man dachte sich das Heilige Land als einen Ort ganz in der Nähe des göttlichen Wohnsitzes, als einen Ort im Nirgendwo. In den Augen Europas zählte Israel bis zum ersten Weltkrieg nicht einmal zu den Kolonialprovinzen. Israel war in der europäischen Vorstellungswelt beinahe unsichtbar und nur noch in der religiösen Welt vorhanden. Durch schwindende Wichtigkeit der Religion im aufgeklärten Europa und zunehmende Modernisierung, verschwand das Land Israel. Nichts blieb übrig als ein kleiner Punkt auf der Landkarte, für den sich niemand interessierte.

Außer Herzl. Aber auch Herzl interessierte sich nicht nur für Israel. Er glaubte, wie bekannt, auch an Argentinien als Option für einen jüdischen Staat. Er dachte an einen Ort, der für das Problem der Juden eine Antwort bieten könnte. Aus seiner Sicht war jedes Territorium geeignet. Mehr oder weniger zufällig kam er zu der Ansicht - auf dem damals gängigen, assimilierten, religiös – historischen Hintergrund –, dass Israel die Lösung für das jüdische Volk sein könnte. Dort, an jenem abgelegenen Ort, würde es möglich sein, einen jüdischen Staat zu gründen und so könnte man der Lösung des Antisemitismusproblem näher rücken. Juden waren in allen Staaten eine Minderheit, jedoch im jeweiligen Gastland entwickelten sich immer antisemitische Sentimente. Wenn die Juden in ihrem eigenen Staat leben könnten, so glaubte Herzl, würde man sie nicht länger hassen. Wie bekannt, waren zu jenen Zeiten Radiosendungen nicht verbreitet, dieses Mittel, das Menschen über weite Entfernungen miteinander in Verbindung brachte und Hass über Tausende Kilometer hinweg erlaubte.

In Israel würde also nicht nur die Antisemitismusfrage ein Ende finden, sondern die Frage der jüdischen Gesellschaft überhaupt. Dort würde man mit Grundstücken handeln können, und die ungelernten jüdischen Arbeiter aus Russland könnten in Israel ordentliche Berufe erlernen. Israel wäre also die totale Antwort für die jüdische Gesellschaft. Es ist völlig klar, dass es im Wien des ausgehenden neunzehnten Jahrhunderts keinen Menschen gab, der Herzl hätte erklären können, was High-Tech-Industrie ist und wie zig Tausende Juden ein Auskommen finden, ohne körperliche Arbeit zu verrichten. Auch heute versteht manch einer dieses Phänomen nicht so recht. Relevant aber ist, dass Israel die Antwort auf alle Fragen zu geben schien: you name it, we’ve got it: Israel is the answer!

Wer nach Oslo kam, gehörte zu einer anderen Sorte Mensch. Ihr Gedankengang war anders. Nicht jeder, der dorthin fuhr, kannte seinen Herzl. Nicht die persönliche Warte, sondern die Stellung Israels in diesem neuen Bewusstsein ist wichtig. Israel stand zwar kurze Zeit unter britischem Mandat, aber es war in keinster Weise Europa zugehörig. In einer Hinsicht wenigstens hat sich Israels Stellung völlig verändert: Aus dem Himmelreich Israel wurde ein säkularer Staat, aus einem entlegenen Ort, über den man nichts weiß, das Land, das täglich für Schlagzeilen sorgt, von denen nebenbei bemerkt nicht alle angenehm sind. Doch hierin liegt nicht das Wesentliche. Der große Unterschied liegt darin, dass man im damaligen Wien an Israel als Lösung des grundlegenden Problems des jüdischen Volkes glaubte, wohingegen man in Oslo in Staat Israel nicht dessen Lösung sah, sondern Israel für das Problem an sich hielt. Das Problem war aber nicht der Antisemitismus, der sich, wie man mittlerweile wohl weiß, nicht lösen ließ, auch nicht, nachdem Millionen Seelen in den Flammen zum Himmel stiegen. Die Problematik des Volkes Israel blieb unverändert bestehen, nur ihre Form hat sich gewandelt. Heute heißt das Problem per se: – Israel.

Es geht um eine drastische Veränderung. Auch wenn wir von hundert Jahren reden. Dies ist eine lange Phase im Leben eines Menschen, doch nur eine kurze Zeit für das Bestehen einer Idee, der zionistischen Idee. Israel wandelte sich: aus der Antwort wurde die zentrale Frage. Hierin liegt seine Rolle in der Tragödie des großen Traums. Es handelt sich hier nicht um diese oder jene Einzelheit, die der große Visionär übersehen hatte, sondern um die Tatsache, dass sich letztendlich die Wahrheit gegenüber der Vision (oder der Prophezeiung) durchgesetzt hat.

Es scheint, dass Herzl in Wien nicht hätte wissen können, wie das Problem um Israel sich weiterentwickeln würde. Vielleicht hatte Herzl seine Neugierde hinsichtlich Israels schon damit befriedigt, dass er einmal nach Israel gereist ist. Vielleicht hat er sogar auch noch die Beschreibung von Mark Twain über das Heilige Land gelesen, eine Beschreibung, die keinen Zweifel darüber zuließ, dass Israel niemandem gehört und scheinbar oder tatsächlich auf die Rückkehr seiner rechtmäßigen Eigentümer wartet: die Juden. Dies ist möglich. An einem besteht keinerlei Zweifel: Im Verlauf der 100 Jahre Zionismus hat Israel seinen territorialen Charakter verändert. Einerseits ist es kleiner geworden, als ob es geschrumpft wäre, andererseits nimmt die Zahl der Nicht-Juden ständig zu, soweit, dass sich Israel in einen Staat von zwei Nationen zu entwickeln droht, oder, mit Herzl, „Kann hieraus wieder das Problem des “Gastlandes” entstehen?“ (eine Frage, mit der sich Herzl aus anderer Warte intensiv auseinandergesetzt hat.)

2. Welcher Preis muss für den Zionismus gezahlt werden ?

In Oslo zeigte sich die Wahrheit über einen weiteren Bereich: Den Preis für die zionistische Idee. In den Enzyklopädien aller möglichen Gelehrten kann man nicht nachlesen, dass für eine Ideologie ein Preis zu zahlen ist. Ideologie ist ein abstrakter Begriff. Man kann Ideologie nicht im Supermarkt kaufen und so glaubt man, sie habe keinen Preis. Und doch konnte man 1896 im "Judenstaat" diese Ideologie in Wien für so und so viel Schillinge kaufen. Heute muss für den Staat der Juden ein ganz und gar anderer Preis gezahlt werden.

Um diese Preisfrage genauer zu klären, muss ich auf eine Parabel zurückgreifen: Das Beispiel von einem Mann, der in den Supermarkt geht und seinen Wagen mit allen möglichen Gütern füllt. Die Kassiererin gibt alles in die Kasse ein und verkündet am Ende die zu zahlende Summe: 21.000! Der Käufer steht mit offenem Mund vor ihr. Er weiß zwar, dass alle Dinge im Supermarkt einen Preis haben, doch kann er sich nicht vorstellen, dass er sooo hoch sein würde. Man ist zwar einerseits bereit, für etwas Neues zu zahlen, doch beinhaltet dies nicht die Bereitschaft, eine dermaßen astronomisch hohe Summe zu zahlen!

Was lehrt diese Parabel? Dies möchte ich durch meine persönliche Geschichte veranschaulichen: einer meiner Vorfahren wurde 1670 aus Wien vertrieben und siedelte sich in Berlin an. So ergab sich der Familienname (nach dem großen Krieg wurde dieser Name von Berlin in Bar-Ilan hebräisiert). Die Nachkommen meines Ur-Ur-Ur-Ur Großvaters wanderten nach Litauen aus. Dort lebten sie über 200 Jahre. Der Großvater meines Großvaters, Rav Jaakov Berlin, kam im Jahre 1852 nach Israel und wurde in Jerusalem sesshaft, aber er kam nicht mit seiner Familie. Sein Sohn, der Vater meines Großvaters, Naftali Zwi Jehuda Berlin, Vorstand der Yeshiva in Wollozin, träumte ebenfalls davon, nach Israel zu kommen, doch gelang es ihm nicht. Sein Sohn aber, mein Großvater, Rav Meir Berlin, wanderte 1926 nach Israel ein und verwirklichte damit den Traum seiner Väter, ganz wie im zionistischen Traum ersehnt. Für ihn, wie für viele Generationen vor ihm, symbolisierte das Leben in Israel die wahre Wesenheit des Zionismus. So viel ich weiß, musste er nicht erst warten, bis ein Herzl ihm dies sagte. All diese Rabbiner, und Söhne von Rabbinern, ahnten nicht, dass sie für ihre zionistischen Ideale einen Preis zu zahlen hatten. Es stellte sich für sie heraus, dass der Käufer der zionistischen Idee, dieser in Wien geborenen Idee, eine Ware kauft, deren Preis höher ist, als alles was Herzl oder jeder Mann seiner Zeit, hätte prophezeien können. Die 4 Enkel meines Großvaters, mein Cousin, meine beiden Brüder und ich, sind bei der Verteidigung unseres Vaterlandes schwer verletzt worden. Es hätte nicht viel gefehlt und der Preis wäre noch höher gewesen und dann hätte niemand mehr die Familiengeschichte, von Wien, über Berlin und Wollozin nach Jerusalem, erzählen können, ein blutiger Weg.

In Oslo stellte sich die Frage nach dem Preis des Zionismus in noch krasserer Form, denn es stellte sich heraus, dass Oslo nur ein Wegbereiter war, nicht ein kleiner vorsichtiger Schritt zum Frieden, sondern ein Schritt auf dem Weg zum Krieg. Mit einer Verzögerung von hundert Jahren zog der Preis zwischen Wien und Oslo an, von Null hinauf ins Unendliche. Es stellte sich heraus, dass viele Juden nach dem Wort leben, das im Hohelied (8.6) steht: „denn gewaltig wie der Tod ist Liebe".

Die Liebe ist schwierig und gefährlich. Es geht dabei nicht nur um fleischliches Verlangen, sondern um unendliche Verpflichtung. Das Unendliche erstreckt sich bis in den Tod. Weder Herzl noch mein Großvater konnten ahnen, dass ihre Idee einen so hohen Preis fordern würde und täglich neu fordert, ein Preis, der täglich steigt und mit ihm der Preis des Zionismus.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass die Errichtung einer Armee helfen sollte, den Preis zu reduzieren. Die Armee in Israel kann man nicht als zionistische Armee bezeichnen. Eine solche Armee kam in Herzls Traum nicht vor. In der Wiener Gemütlichkeit konnte man nicht zu der Vorstellung gelangen, dass für Juden überhaupt die Notwendigkeit einer Armee bestehen würde. Im “Judenstaat” entdecken wir, wie nebensächlich das Militär in Herzls Augen tatsächlich ist, nicht mehr als einen kurzen Abschnitt wert. Dieser erscheint auch nur, um sich der Pflicht zu entledigen (alle üblichen Elemente eines richtigen Staates zu erwähnen). Herzl, wie der aus dessen Ideologie folgende Zionismus, hat während vieler Jahrzehnte nicht die große Bedeutung begreifen können, die diese Armee im zukünftigen Staat einnehmen würde, genauso wenig, wie er den geforderten Preis voraussehen konnte.

Wegen des hohen Preises, den der Zionismus verlangte, verwandelte sich das Land Israel in einen kämpferischen Staat, den sich so niemand vorstellen konnte, genauso wenig wie den unerwarteten Preis. Die in die Heimat zurückkehrenden Väter reihten sich in die Armeen von König David, der Maccabäer und Bar-Kochba ein. Sie wuchsen mit dem Schwerte auf. Herzl kannte nur das elegante Spiel der Wortgefechte, die wie im Wettbewerb zum Zeitvertreib eingesetzt wurden. Unser Schwert ist dagegen echt und zerstörerisch. Aus Kischinev wurden wir wie das Lamm zur Schlachtbank geführt. 100 Jahre später hatten wir uns in wahre Löwe verwandelt. In einer Tiereausstellung, die kürzlich in Europa stattfand, erhielt der Judenstaat den Siegerpreis und wurde zum gefährlichsten Tier der Welt proklamiert. Ein Löwe unter den Volken. Der zionistische moderne Jude lebt heute mit seinem Schwert, genauso, wie unsere Vorväter von ihrem Intellekt gelebt haben. Mit anderen Worten: der jüdische Genius, der früher einmal im akademisch intellektuellen Bereich hervorstach, kommt heute im militärischen Bereich zum Vorschein. Der Israeli ist der moderne Jude und entpuppt sich als hervorragend im Bereich militärischer Kommandoaktionen, vom Unabhängigkeitskrieg über Entebbe bis heute, aber er ist nicht mehr als Theoretiker bekannt, wie es in früheren Generationen der Fall war. Alles ist eine Frage des Preises. Welcher Preis schwebt über den Schornsteinen von Auschwitz? Ist das der Preis des Judentums, das auf den Zionismus verzichtet hat?

Hier, glaube ich, unser Augenmerk auf Dr. Freud richten zu müssen und zu fragen: Herr Doktor, welcher Komplex drückt sich im Zionismus ihrer Ansicht nach aus? Der Doktor würde einen Moment nachdenken und – zwischen zwei Pfeifenzügen – schließlich antworten: Der Zionismus ist der Peter-Pan Komplex der Juden. Wie jenes Kind, das nicht erwachsen werden wollte, wollen die Juden nicht die uralte, überlieferte Tatsache akzeptieren, dass man sich von kindlicher Vergangenheit und vom Elternhaus, in dem man aufgewachsen ist, trennen muss. Der Vater hat seinen Sohn aus dem Hause gewiesen und sagte ihm: Du kannst kein göttliches Erbarmen erwarten. Sei erwachsen, geh unter die Völker und sei selbständig. Aber das Kind, das bereits erwachsen ist, versucht, um jeden Preis nach Hause zurückzukehren, weil es hofft, noch einmal die Zärtlichkeit des Vaters und die Sicherheit des Elternhauses zu erhalten. Das Kind will das Erbarmen nochmals erzwingen, doch dann, zu seinem Bedauern, stellt es fest, dass es zu Hause keinen Platz mehr hat. „Werde erwachsen!“ , so scheint es, würde Doktor Freud rufen, (und Professoren haben immer recht). Dagegen würde ich persönlich sagen, dass es in der Tat eine Frage der Definition des zionistischen Komplexes ist. Wenn Zionismus ein Komplex ist, welchen Komplex hat Dr. Freud selbst, wo er doch sein Leben nicht in Wien beenden durfte? Welchen Preis wäre Dr. Freud bereit gewesen zu zahlen, um in seinem Geburtsland zu bleiben? Wäre er bereit gewesen, für dieses Recht auf sein Geburtsland kämpfend zu sterben? Welche Waffe hätte er gezogen? Die scharfe Zunge Herzls oder das Schwert König Davids? Wer nicht zu kämpfen bereit ist, hat derjenige keinen Komplex? Allgemein ausgedrückt: vielleicht ist der zionistische Komplex nicht der Peter-Pan-Komplex, sondern eher der des Odysseus, der lange Jahre für seine Heimkehr in sein Geburtsland gekämpft hat? Odysseus überwandt alle Schwierigkeiten und all die Feinde, die gierig seiner Frau auflauerten. Er kehrte nach vielen beschwerlichen und sonderbaren Prüfungen zurück. Vielleicht ist der Zionismus der Komplex der ultimativen Helden, derjenigen, die ungeheure Anstrengungen unternehmen, um zu ihrer früheren Stellung und in das Königreich zurückzukehren, das ihnen in vergangenen Tagen gehört hatte?

3. Welchen Anteil hat die Religion am Zionismus?

Aus der Sicht Wiens ist das Land Israel ein kleiner Landstreifen, der sich von Argentinien und Birobidgan in nichts unterscheidet. Dieses Territorium kann man den Juden ruhig geben und sie dort ihren Staat errichten lassen. In einem modernen Staat leben moderne Menschen und der moderne Mensch benötigt keinen Gott, der ihm vorschreibt, was er tun soll. Es gibt ein Leben ohne Gott. Und nicht nur der moderne Mensch hat keinen Gott, auch der moderne Staat nicht. Dementsprechend wundert es nicht, dass im Judenstaat nur an der Peripherie Raum für die (jüdische) Religion ist. Als Junge hat Herzl einmal einen Brief über seine teilweise Identifikation mit Savonarolla (der Priester aus Italien) geschrieben. Nichts erlaubt dem jüdischen Schüler Theodor Herzl, der am evangelischen Gymnasium in Budapest lernte (auch wenn dies überwiegend von Juden besucht wurde), sich mit dem Schüler zu vergleichen, der an der Zwi-Peretz-Chajes - Schule in Wien lernte. Und genaso, ist es möglich einen Juden, der in der Diaspora erwacksen werde, mit einen Juden, der im Land der Bibel aufgewacksen ist, der davon träumte, und dafür kämpfte, zu vergleichen? Es ist völlig klar, dass die Propheten Israel ihre Worte nicht in das Herz Herzls mit demselben Meißel eingehämmert haben. Herzl und alle Zionisten, die nach ihm folgten, konnten nicht das Gewicht abschätzen, dass die Religion in den politischen Überlegungen in Zukunft einnehmen würde. So darf man sich nicht wundern, dass Herzl der Religion keine besondere Bedeutung beimaß. Das hieß für Herzl, wie für alle Bewohner Wiens, war es richtig, dass die Kirche in der Mitte der Stadt steht, aber allen war auch klar, dass relevante Dinge an anderen Orten entschieden werden: Politik, Wirtschaft, Industrie und akademische Forschung, die Rechte des Einzelnen. Sie sind der Kern der westlichen modernen Kultur. In dieser Kultur wurde die Position der Religion bereits vor langen Zeiten erschüttert. Auf unsicherem religiösen Hintergrund basierte Herzls Traum in Wien. An solcher religiöser Unsicherheit orientierte sich auch die Vision der nach Oslo Kommenden.

Aber nicht alles, was für Europa richtig war, war auch für Israel richtig. Israel ist nicht nur ein Territorium im substantiellen Sinne, vielmehr auch im geistigen Sinne. Israel ist nicht nur Jerusalem dort oben, über das der Heiligenschein von Generationen schwebt, auch nicht die Alt-Neustadt, die mit Geschäften glänzt, das Moderne und das Säkulare. Israel setzt sich aus den Orten des Alten Testaments zusammen, aus Orten, die das Volk Israel über Tausende Jahre in seinem Herzen getragen hat. Hebron z. B., Anatot und andere. Bei der Erwähnung dieser Orte erschauert das Herz eines jeden Juden, der an das Königreich Davids denkt oder an Jerimia, den Propheten des Untergangs, oder an den Erzvater Jakob, dessen Leiter in Bet-El zum Himmel führt. Immer noch gibt es kein Mittel, das diese Namen, Begriffe und Worte auslöschen kann, die im Herzen eines jeden Juden eingraviert sind. Der letzte Versuch, diese Namen auszulöschen, endete katastrophal. Wir blieben als Waisen und Verletzte zurück, das Zeichen des Bundes mit Gott in unser Fleisch eingegraben, genau so wie der Staat Israel unsere Körper mit Gebrechen zeichnet.

In Wien hat der religiöse Zionismus damals noch nicht existiert. Herzl war nicht religiös. Die Position der religiösen Kreise ihm gegenüber kann man bestenfalls als “zurückhaltend” bezeichnen. Rav Kook vermied in seinem Nachruf auf Herzl den Namen des Visionärs auszusprechen. Er nannte ihn oftmals “Messias ben Josef”, also den fleischlichen, realen Messias, der den Weg für den geistigen Messias ben David des jüdischen Volkes ebnen würde. Wenn wir die historische Diskussion gemäß jener religiösen Ausdrucksweise führen und wenn also entsprechend dieser Haltung ein großer Rabbiner glaubte, in Wien sei ein Messias ben Josef gewachsen, dann ergibt sich aus jener Denkweise, auf heutige Zeit übertragen, dass nach Oslo ein lügnerischer Messias kam. Er lockte uns, indem er uns dem Traum vom großen Frieden versprach. Viele folgten ihm, umsonst. Zugegeben gehörten zu den nach Oslo Eilenden auch Religiöse, aber nur wenige. Die überwiegende Mehrzahl der Gesetzestreuen gehörte den Anhängern von Rav Kook an. Sie glänzten durch Abwesenheit und drückten damit ihren Widerstand gegen eine Vision aus, die die in Israels gesähten Pflanzen wieder ausriss, sodass das Land wieder wüst und leer werden würde.

Seit 1967 bewirkte der religiöse Zionismus den Aufbau von Jehuda und Shomron. Damit fand eine Wende hinsichtlich der territorialen Frage statt. Wenn man vorher je von Uganda gesprochen hatte, so sprach man nach 1967 nur noch von Israel. Heute lässt sich kaum noch eine Figur des öffentlichen Lebens in national-religiösen Kreisen finden, die den Vorschlag wagen würde, man könne auf diesen oder jenen Teil Israels verzichten. Der religiöse Zionismus setzt sich zum größten Teil aus traditionellen Gesetzesgläubigen zusammen. Sie sehen Bet-El als Teil des zionistischen Traums, als Teil der religiösen Vision. Es sind dies zwei Visionen, die eigentlich eine sind. Religion und Zionismus bilden eine Einheit eigener Art, die der Mann aus Wien nicht hätte erträumen können und die der Mann in Oslo nicht anerkennen wollte.

Herzl in Wien, wie auch die nach Oslo Kommenden, maßen der Religion kein wirklich großes Gewicht bei. Sie gaben zu, wenn auch nicht explizit, dass in der Religion eine große Stärke verborgen liegt. Bedingt durch ihre säkulare Erziehung maßen sie diesem Umstand nicht die Wichtigkeit bei, die ihm zustand. Wie viele Streitmächte hat Gott? fragen diejenigen, die gestern und vorgestern Generäle waren und heute am runden Tisch in Oslo sitzen, um den Traum vom Frieden zu verwirklichen. Mit einem zeitlichen Abstand von 90 Jahren zwischen der Vision in Wien und der in Oslo haben die Entscheidungsträger immer noch nicht die große Wichtigkeit im Zusammenspiel von Politik und Religion erkannt, die in ihrer Kombination sehr stark ist. Gerade in dieser Kombination aber prallen sie auf eine andere starke religiös-politische Warte.

Es scheint, dass die Quelle der historischen Daten über das Verhältnis von Religion und Zionismus der Vergangenheit einen Verbindungslinie zur Zukunft schaffen kann. Nun stelle ich Ihnen heute einen kleinen Traum von mir persönlich vor. Meiner Einschätzung nach, werden zukünftige Regelungen zwischen Politikern und religiösen Anführern einen zentralen Platz einnehmen. Auf einem Territorium, das so mit religiösen Emotionen belastet ist, sowohl mit jüdischen wie moslemischen, wäre es unklug, wenn Politiker ohne enge Zusammenarbeit mit den religiösen Anführern handeln wollten. Noch ist nicht der Tag gekommen, an dem Wolf und Schaf zusammenleben, aber wenn wir wollen, dass die Wölfe die Schafe nicht auffressen, müssen wir uns den Propheten zuwenden, ihren Schülern und deren Schülern, damit diese uns den Weg weisen. Ein weiteres Mal ist es das Schicksal des jüdischen Volkes, seine religiösen Anführer zu fragen: wie kann ein Schaf, mit dem eben geschaffenen Bild sollte es genauer gesagt heißen, wie kann ein Löwe unter 70 Hyäne überleben?

Zusammenfassung

Das Volk Israel befindet sich inmitten eines existenziellen Kampfes und dies nicht zum ersten Mal. Schon in der Torah steht geschrieben (Deut. 20.8), dass diejenigen, die zum Krieg ausziehen, furchtsam und weichen Herzens sind, in ihr Haus zurückkehren sollen. Wir befinden uns heute in einer ähnlichen Situation, denn ein in Europa ansässiger Jude z.B. wird nicht nach Israel einwandern. Einwohner Europas, die so sehr unter den großen Kriegen gelitten haben, wollen keinen Krieg mehr. Es gibt für sie keinen Grund, weder heute noch in Zukunft, das Schwert zu ziehen. Der Terror betrifft Europa nicht. Die Juden in Israel stören die angenehme Atmosphäre, die Harmonie und Walzerklänge. Israel zeigt sich jeden Tag erneut als Ort, an dem nur mutige Menschen leben können, nur Menschen, die bereit sind, ihr Judentum mit ganzem Herzen zu erleben, und die bereit sind, hierfür einen sehr hohen Preis zu zahlen.

In Wien und in Oslo trafen sich Menschen mit Visionen: unterschiedliche Menschen mit verschiedenen Visionen. Diese Visionen werden durch die Tatsache geeint, dass sie den Traum von Generationen von Juden entsprechen: Den Traum von der Rückehr nach Israel einerseits und den Traum vom Frieden der biblischen Propheten andererseits. Dies sind die Träume, in denen das Volk Israel schon seit Jahrtausenden verwurzelt ist. Rückkehr und Frieden, diese Begriffe stehen erneut auf den Prüfstand, wie man ein neues Haus aus einer Ruine wieder aufbauen will (renoviert im Sinne von Alt Neuland). Diese Vorstellung einer erneuerten Ruine ist aber naiv, da ihr Fundament nurmehr eine Vision ist, eine Vision, die nicht realisiert wurde. Doch was ist der Mensch ohne Visionen? Ist es nicht vorzuziehen, ein Leben mit Visionen zu führen, sei deren Durchführung auch noch so unvollständig, als ein Leben ohne Vision? Es gibt einen Unterschied zwischen den Visionen und den Wegen zu ihrer Verwirklichung. Die Vision, die aus Wien hervorging, war eine Vision der Handlung und der Urbarmachung, „und ER pflanzte einen Garten“ (Genesis 2.8). Hiergegen basierte der Traum von Oslo auf einer Vision, die Ent-Wurzelung, und Verzicht verlangt. Sie findet in der Stimme des großen Terrors eine Realität die von einem Ende der Welt zum anderen erschallt. Aus dem Wiener Traum erklingt die Stimme Gottes im Garten Edens, den er bepflanzt, aber aus Oslo steigt die Stimme der gefallenen Engel auf. (Jochanans Apokalypse).

Der Unterschied zwischen den beiden Stimmen ist dergleiche wie zwischen Leben und Tod. Hierin liegt der Unterschied zwischen dem Textbuch des Volkes Israel, also Genesis, und einem Buch, das von einem christianisierten Juden geschrieben wurde, also die Apokalypse.

Die Würfel sind gefallen. Das Volk Israel kam nach Israel. Wieder wurde das Schicksal von Israel nicht in Europa besiegelt. Wien und Oslo selbst gehören heute der Vergangenheit Zionismus an. Israel scheint der wahrhaft zionistische Traum. Dort laufen sie hin und her und hungern nach des Herrn Worten (Amos 8.12). Sie hörten Gott, wie er im Garten Eden ging (Genesis 3.12), die Stimme unserer Könige und Propheten, die Arbeit der Priester im Tempel und die Lieder der Leviten. Dort, im Schatten von Schmerz und Trauer, von Terror und Bedrohung, bemühen sie sich um Aufbau und Bepflanzung, und es gibt sogar solche, die Frieden schließen wollen.

Der Herr wird seinem Volk Kraft geben.
Der Herr wird sein Volk segnen mit Frieden. (Psalmen 29.11)